Blickwinkel

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Blickwinkel vom 24.12.2016

© Dekan Reiner Zeyher

„Überdenken“ – Beitrag zu Weihnachten 2016 von Dekan Reiner Zeyher

 

Der Terroranschlag von Berlin hat uns alle aufgeschreckt in diesen adventlichen Tagen. Bestürzt und fassungslos nehmen wir wahr, dass der Terror überall ist und vor nichts Halt macht. Auch nicht vor Weihnachten, dem Fest des Friedens. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“, so heißt es in der Weihnachtsgeschichte.
Ja, Weihnachten ist eine Friedensgeschichte. Das macht sie inmitten einer Welt, die vom Krieg entstellt ist und die unter Gewalt und Terror – nicht nur in Berlin – leidet, zu einer Geschichte voller Widersprüche. Zu einer Geschichte, die mit ihrer Friedensbotschaft quer daherkommt, unwirklich, geradezu utopisch und damit für viele unter uns unglaubwürdig und weltfremd.
Immer wieder erlebe ich es bei Gesprächen, wie stark dieser Widerspruch empfunden wird. Und ganz nah ist die Frage, die so alt ist wie die Menschheitsgeschichte selbst: Wenn es doch einen Gott gibt, warum greift er dann nicht ein und macht dem gewaltsamen Morden und Töten ein Ende. Warum lässt er zu, dass in Berlin unschuldige Menschen sterben müssen und in den Tod gerissen werden? Warum? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Um es genauer zu sagen. Es gibt gar keine Antwort auf diese bedrängende Frage. Weil jede Antwort die Widersprüche zwischen dem Gott, der den Frieden verheißt und der es letztlich zulässt, dass auf dieser Erde brutale und menschenverachtende Kriege geführt werden, der es zulässt, dass Terroranschläge unschuldige Menschen in den Tod reißen, nicht wirklich auflösen können. Ein einfaches Schwarzweiß gibt es nicht. Auch wenn wir es manchmal so gerne hätten, nicht nur in der Friedensfrage.
Haben also die Zyniker recht? Diejenigen, die sich lieber auf die Fakten stützen als auf fragwürdige Versprechen? Im Blick auf die gegenwärtige Situation fällt es schwer, das Gegenteil zu behaupten. Zu schwer wiegen die Bilder aus Berlin, zu erschütternd die Bilder aus Aleppo. Die schreienden Kinder, die verzweifelten Mütter, die hilflosen Väter. Wer mag hier vollmundig vom Frieden auf Erden sprechen? Und doch geht es in der Weihnachtsgeschichte um nichts Anderes. Weihnachten und die Botschaft vom Frieden gehören zusammen. Aber wie? Im Auflösen der Spannung oder im Widerspruch und alles bleibt, wie es ist?
Die Antwort gibt die Weihnachtsgeschichte selbst. Gott wird Mensch in einem verletzlichen Kind. In dieser Entäußerung aller Gewalt, darin kommt der Frieden buchstäblich zur Welt. Der Frieden, der höher ist als alle unsere Vernunft. Das meint nicht, dass der Frieden, der mit Weihnachten in die Welt kommt und ihr verheißen wird, unvernünftig ist. Aber mit der bloßen Vernunft ist er eben nicht zu fassen und zu ergründen auch nicht. Wer von uns wollte denn begreifen, dass Gott Mensch wird? Und wer wollte fassen, dass der Friede da zur Welt kommt und Wirklichkeit wird, wo wir ihn am wenigsten vermuten würden: nicht in den Verhandlungszimmern der Mächtigen, sondern in einem armen Stall draußen vor der Tür, ausgesperrt und ohne Herberge bei den Menschen.
Er muss also zuallererst einmal entdeckt werde, dieser Friede Gottes – unter aller Gewalt, unter allem Hass und Neid dieser Welt, unter allem religiösen Fanatismus, unter aller Ideologie und Korrumpiertheit politischer Macht. Und deshalb der Stern. Und deshalb die Engel mit ihrer Botschaft, sich aufzumachen – zuerst nach Bethlehem, um die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist – und dann in unsere gesellschaftliche Wirklichkeit, wo wir gefragt sind, Friedensstifter zu werden.
Man kann freilich fragen, ob das vernünftig ist? Die Hirten, so wird erzählt, fragten nicht zuerst nach der Vernunft. Sie machten sich einfach auf. Und sie fanden, was ihnen verheißen war. Ich denke, darauf kommt es an. Sich einfach aufzumachen, sich anstecken zu lassen von der Friedensbotschaft und es auf Hoffnung hin zu wagen mit dem Frieden, der der Welt, der unserer Welt in allem Unfrieden, in allem Terror und allem Leid in Christus verheißen ist.
Das mag nach wenig klingen. Aber so wird es Weihnachten unter uns. In diesen leisen Tönen, in denen Christus als der Friede Gottes zur Welt kommt.

 

Ihr Dekan Reiner Zeyher