Nun werden wir also evangelisch. Reformationszeit – Umbruchszeit im Raum Vaihingen

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von Dr. Gudrun Aker

Aufbruch und Wandel

Die Jahrzehnte um das Jahr 1500 sind eine Zeit des Aufbruchs. Amerika wird entdeckt, der Seeweg nach Indien gefunden, die Welt umsegelt. Die Erfindung des Buchdrucks revolutioniert die Verbreitung von Wissen und Informationen. Autoritäten und Dogmen werden in Frage gestellt, die Bauern erheben sich gegen die Obrigkeit, und mit der Reformation beginnt eine regelrechte Bildungsexplosion. Wir sehen in dieser Epoche vor allem den Wandel: Das Mittelalter geht zu Ende, die frühe Neuzeit beginnt. Die Menschen damals freilich waren davon überzeugt, in der Endzeit zu leben. Seuchen, Naturkatastrophen und Kriege, aber auch wirtschaftliche und soziale Umbrüche und Krisen wurden als Auflösungserscheinungen der gottgegebenen Ordnung gedeutet, ja als Vorzeichen für den nahen Untergang der Welt.

Die Volksfrömmigkeit am Vorabend der Reformation

Die Gläubigen quälte die Furcht vor dem Fegefeuer. Wie konnte man Rettung finden? Wie den drohenden Höllenqualen entgehen? Die Volksfrömmigkeit war geprägt von Heiligenkult und Wunderglauben. Eng damit verbunden war das Wallfahrtswesen; allein im Raum Vaihingen gab es sieben Wallfahrtsorte. Der Wunsch nach im Alltag gelebter Frömmigkeit fand seinen Ausdruck auch in der Gründung von Bruderschaften, deren Zweck die Sorge für das Seelenheil ihrer lebenden und verstorbenen Mitglieder war. In Vaihingen bestanden an der Wende zur Neuzeit eine Marienbruderschaft, die auch Frauen aufnahm, und eine  Sebastianbruderschaft. An den beiden Vaihinger Kirchen und am Spital taten neben dem Pfarrer 14 Kapläne Dienst. Lateinische Messen konnten die Gläubigen täglich hören, Predigten in der Volkssprache dagegen kaum. Die Stadt stellte daher Anfang des 16. Jahrhunderts einen Prädikanten ein, der deutsche Predigten hielt und Bibeltexte auslegte. 

Die Einführung der Reformation in Württemberg

Es war eine politisch unruhige Zeit. Der württembergische Herzog Ulrich wurde 1519 vom Schwäbischen Bund vertrieben. 1534 eroberte er die Landesherrschaft zurück und führte sofort die Reformation im Herzogtum ein. Das evangelische Bekenntnis wurde zur Staatsreligion und verbindlich für alle Württemberger. Wer den Übertritt zum neuen Glauben verweigerte, musste das Land verlassen. An die Stelle der lateinischen Messe trat ein schlichter Predigtgottesdienst nach dem Vorbild der vorreformatorischen Prädikantengottesdienste. Der Kirchgang an Sonn- und Feiertagen war Pflicht; wer ihn versäumte, hatte ein Strafgeld zu bezahlen. Die Sittenzuchtgesetze in der Landesordnung wurden deutlich verschärft und Verstöße mit Geld- und Haftstrafen geahndet.

Ein paar Jahre später erlitt die Reformation noch einmal einen herben Rückschlag.  1546 kam es zu einem Religionskrieg in Deutschland, in dem die evangelischen Stände dem Heer Kaiser Karls V. unterlagen. Auf Druck des Kaisers musste Württemberg 1548 das Interim einführen, das eine vorübergehende Rückkehr zur katholischen Lehre bedeutete, aber schon 1552 wieder aufgehoben wurde.

Die Neuorganisation des evangelischen Württemberg durch Herzog Christoph und Johannes Brenz

Nach dem Interim berief Ulrichs Sohn und Nachfolger Herzog Christoph den Haller Reformator Johannes Brenz an die Stuttgarter Stiftskirche und beauftragte ihn mit der Neuorganisation der Landeskirche. Eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen sollte aus den Württembergern gute und gottgefällige Menschen machen. Im Jahr 1559 erschien die Große Kirchenordnung, die nicht nur das kirchliche, sondern auch viele Bereiche des weltlichen Lebens regelte: die Gottesdienste, die Feiertage, die Visitation der Gemeinden durch die Dekane, das Armenwesen, das Eherecht oder das Gesundheitswesen. Auch das Schulwesen, das bereits Herzog Ulrich als landesherrliche Aufgabe betrachtet und intensiv gefördert hatte, wurde durch die Große Kirchenordnung neu geregelt und weiter ausgebaut. Die Zeit der Reformation geht in Württemberg mit dem Tod Herzog Christophs 1568 zu Ende. Die von ihm und Johannes Brenz geschaffene Ordnung von Kirche und Gesellschaft hatte rund 250 Jahre lang Bestand. Sie prägte das Land und seine Menschen.

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