Ein Blick auf die Entwicklung des Schulwesens im Raum Vaihingen

Lateinschule Vaihingen

von Dr. Gudrun Aker

Nach der Rückeroberung der Landesherrschaft im Mai 1534 führte Herzog Ulrich die Reformation in Württemberg ein. Getreu der Forderung der Reformatoren, dass ein evangelischer Landesfürst für die Erziehung der Jugend zu sorgen habe, wurde die Schulpolitik zur obrigkeitsstaatlichen Aufgabe erklärt. Damit begann eine Bildungsbewegung, deren Schwerpunkt auf dem höheren Schulwesen lag, weil das Land gut ausgebildete Pfarrer und Beamte brauchte.

Die Lateinschule

Die seit dem 14. Jahrhundert bestehenden städtischen Lateinschulen wurden nun der Landeskirche unterstellt und durch herzogliche Verordnungen geregelt. Die Vaihinger Lateinschule ist ab der Mitte des 15. Jahrhunderts urkundlich bezeugt, dürfte aber schon um 1380 eingerichtet worden sein. Sie war eine reine Knabenschule und diente der Vorbereitung auf das Studium an der Landesuniversität Tübingen und am 1536 gegründeten Tübinger Stift. Außerdem war ihr Besuch die Voraussetzung für eine Tätigkeit als Schreiber oder Verwaltungsbeamter. Der Unterricht, der im Alter von etwa 6 Jahren begann, fand in lateinischer Sprache statt und die Beherrschung des Lateinischen war sein vorrangiges Ziel. Darüber hinaus wurden nur der Katechismus des Johannes Brenz und der Kirchengesang gelehrt.

Die Deutschen Schulen

In den 1540er Jahren entstanden daneben viele Deutsche Schulen, deren Zweck vor allem die religiöse Volksbildung war. Der deutsche Schulmeister war in der Regel auch Mesner und zuständig für die Kirchenmusik. Anders als die Lehrer der Lateinschulen hatte er nicht studiert. Das Auswendiglernen des Katechismus und das Einüben der Kirchenlieder bildeten den Kern des Unterrichts. Die Pfarrer nahmen die örtliche Schulaufsicht wahr und fragten regelmäßig die Kenntnisse der Kinder ab. Der Katechismus war zugleich die Fibel, anhand derer man das Lesen und Schreiben lernte. Da auch Mädchen eine Unterweisung im evangelischen Glauben erhalten sollten, war ihnen die Tür zur Deutschen Schule nicht verschlossen; die Teilhabe an der höheren Bildung dagegen blieb ihnen verwehrt. In Vaihingen ist die Deutsche Schule ab 1547 nachweisbar; auch das große und bedeutende Dorf Enzweihingen hatte damals bereits eine Schule.

Die Ordnung des Schulwesens durch die Große Kirchenordnung 1559

Unter Ulrichs Sohn und Nachfolger Christoph wurde das Schulwesen weiter ausgebaut und durch die Große Kirchenordnung 1559 umfassend geregelt. In den 13 ehemaligen Männerklöstern richtete der Herzog 1556 Klosterschulen ein. Die neun niederen entsprachen den Lateinschulen, die vier höheren bauten auf der Lateinschule auf und führten zum Theologiestudium in Tübingen. Für die zukünftige Verwaltungselite waren nach der Lateinschule der Besuch des Stuttgarter oder Tübinger Pädagogiums und das anschließende Jurastudium vorgesehen.

Ende des 16. Jahrhunderts gab es etwa 50 Lateinschulen in Württemberg und in fast jedem Dorf eine Deutsche Schule. Nur sehr kleine Orte waren ausgenommen. So mussten etwa die Kinder aus Riet den Unterricht im benachbarten Enzweihingen besuchen. Eine Schulpflicht bestand noch nicht − sie wurde in Württemberg 1649 eingeführt − doch sollten schon jetzt möglichst viele Jungen und Mädchen zur Schule gehen. Die Große Kirchenordnung schrieb ihre Trennung nach Geschlechtern vor: Sie durften nicht zusammen sitzen und keine Gemeinschaft untereinander haben. Ihre Mithilfe in der Haus- und Landwirtschaft musste trotz des Schulbesuchs möglich sein, darauf nahm selbst die Stundenplangestaltung der Lateinschule Rücksicht. Die Schülerzahlen der Deutschen Schulen unterlagen sogar starken jahreszeitlich bedingten Schwankungen. Viele Kinder wurden nur im Winterhalbjahr in die Schule geschickt, weil man sie in den übrigen Monaten zu Hause als Arbeitskräfte brauchte. Im Bauerndorf Enzweihingen zählte der Schulmeister im Sommer 1587 bloß 20 Schüler, im Winter hingegen 82.

Die Reformation hebt das Bildungsniveau der Bevölkerung

So führte die Reformation allmählich zu einer Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus. Wie es zuvor um die Alphabetisierung der Bevölkerung stand, lässt ein Beispiel aus Riet erkennen. Im Jahr 1556 konnten weder der Schultheiß noch die Angehörigen von Gericht und Rat eine Erklärung der Gemeinde über ihre dem Herzog geschuldeten Jagdfronen unterzeichnen. Diese Bauern, deren Kindheit in die vorreformatorische Zeit fiel, bedurften daher der Hilfe des Schulmeisters von Enzweihingen, bei dem ihre Kinder und Enkel nun das Lesen und Schreiben lernen konnten.