Gedanken zum Ferienbeginn

© Pfarrer Matthias Krauter

Das Leben gelebt statt nur eingeklebt

von Matthias Krauter, evangelischer Pfarrer in Vaihingen an der Enz

Die Urlaubszeit steht wieder vor der Tür und damit auch die Zeit, in der ich mich einreihe in Heerscharen von fotobehängten und mit Selfie-Stick bewaffneten Zeitgenossen, die ständig mit einem Sucherblick durchs Leben gehen.

Manchmal ich frage mich schon, was wirklich dahintersteckt, dass so viel fotografiert wird und scheinbar auch noch die banalsten Dinge möglichst lückenlos auf einer Speicherkarte verewigt werden. Ist es das Bedürfnis, in unserer schnelllebigen Zeit, Situationen einfach festzuhalten? Wollen wir den Augenblick entlasten, indem wir ihm seine Einmaligkeit nehmen und versuchen, ihn reproduzierbar zu machen? Ist es der Versuch, intensives Erleben, zu dem uns im Augenblick die Zeit und die Muße fehlt, später im Anschauen der Bilder nachzuholen?

Doch ich fürchte, das ist eine trügerische und gefährliche Illusion. Wir können das Leben nicht festhalten und erst recht nicht versäumtes Erleben einfach nachholen. Sicherlich sind Erinnerungen etwas Schönes. Trotzdem geschieht das Eigentliche jetzt und hier. Es kommt nicht erst in der Zukunft auf mich zu, etwa wenn ich die Bilder der Vergangenheit betrachte oder sie in irgendein Album einklebe.

„Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“ So heißt es Psalm 118,24 über die Gegenwart. Ich möchte das ernst nehmen und versuchen, den Augenblick noch bewusster wahrzunehmen und seine Einmaligkeit zu genießen. Ich möchte mir Zeit nehmen, die besonderen Situationen des Lebens mit dem Herzen statt nur mit dem Handy aufzunehmen. Verlangsamung statt Digitalisierung, das ist vielleicht die bessere Gegenbewegung zu unserer schnelllebigen Zeit. Und jeden (Urlaubs)Tag bewusst als Gottes Geschenk für heute betrachten. Wenn das Fotografieren mir dabei eine Hilfe ist und nicht nur eine Alibifunktion hat, dann hat es durchaus seinen guten Sinn. Dann sind Erinnerungsbilder eine schöne Sache. Aber ich kann mich eben nur an etwas erinnern, was ich zuvor auch tatsächlich erlebt habe. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erlebnisreiche Urlaubszeit!