„Oh Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“

© Dekan Reiner Zeyher

Beitrag zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 81 Jahren am 9.November 1938 von Dekan Reiner Zeyher

Vor 81 Jahren, am 9. auf den 10. November 1938, brannten die Synagogen. Sie brannten in Baden, Württemberg und Hohenzollern, so wie im gesamten Deutschen Reich. Sie brannten in Österreich und in der Tschechoslowakei. Der 9. November ist der Tag, an dem organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand setzten. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa.

„Oh Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ – mit diesem eindringlichen Ruf aus dem Buch des Propheten Jeremia beginnt der Oberlenninger Dorfpfarrer Julius von Jan am 16.November 1938 seine Predigt am Buß- und Bettag. Die Ereignisse von Halle machen erschreckend deutlich, dass der Antisemitismus in Deutschland nach wie vor latent oder auch offen gegenwärtig ist und keineswegs der Vergangenheit angehört. Julius von Jan schließt seine Predigt mit den Worten: „Herr, schenke uns und unserem Volk ein neues Hören, ein neues Achten auf deine Gebote – und fange bei uns an.“ Diese Worte möchte ich für mich ganz persönlich nehmen – und fange bei mir an ….

Meine Gedanken gehen dabei zurück in meine Vikarszeit in Rexingen bei Horb, einem kleinen Dorf im Nordschwarzwald. Die ehemalige jüdische Synagoge ist heute die evangelische Kirche. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde Rexingen ein Mittelpunkt jüdischen Lebens in Württemberg. Eine jüdische Jugendherberge wurde dort eingerichtet und eine Kinderschule. Man bereitete sich auf die Aussiedlung nach Palästina vor. 1937 brachen ein paar Männer auf, um in Palästina Land zu kaufen.  Nördlich von Akko fanden sie ein 60 ha großes Ödland. In zwei Gruppen reisten sie schließlich aus und gründeten 1938 die Siedlung „Shavei Zion“. Bis heute eine Siedlung, in der die schwäbischen roten Dächer der Häuser auffallen.

Nicht alle machten sich auf den Weg nach Palästina. Zurück blieben die Alten und solche, die sich nicht lösen konnten von der geliebten Heimat. Insgesamt waren es 129 Männer und Frauen. Sie alle wurden in Konzentrationslager deportiert nach Riga, Lublin und Theresienstadt. Eine Frau fiel auf der Fahrt nach Theresienstadt irgendwo in der Tschechoslowakei vom Lastwagen. Sie hatte unterwegs ihren Mann in einer Marschkolonne erkannt, wollte sich bemerkbar machen und stürzte vom Lastwagen. Schwerstverletzt überlebte sie das 3.Reich. 1952 wurde sie auf eigenen Wunsch auf dem alten Rexinger jüdischen Friedhof bestattet.

Bei meinen Führungen auf dem Friedhof, meist waren es Schulklassen, hinterließ die Geschichte dieser Frau und ihr Schicksal bei den Schülerinnen und Schülern Spuren der Betroffenheit und Scham. Ganz ähnlich erging es mir, wenn ich vor der ehemaligen Synagoge stehend, von den Ereignissen der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10.November in Rexingen erzählte. Das Gebäude blieb glücklicherweise erhalten. Ebenso eine Torarolle durch das beherzte Eingreifen des Landpflegers.

Erst jetzt, im Anblick der weinenden jüdischen Mitbürger vor der ausgebrannten Synagoge wird vielen klar, was dieser Brand wirklich bedeutete. Es war zu spät! Die Ereignisse von Halle mahnen uns, wachsam zu sein und aufmerksam die Entwicklungen und Strömungen wahrzunehmen, die eine „Pogromnacht“ in Deutschland wie die vom 9. auf den 10.November 1938 wieder den Weg bereiten könnten. Dazu bedarf es keiner Appelle. Aber der Pflege einer Erinnerungs- und Erzählkultur, die ganz eng mit dem jüdisch-christlichen Verständnis der Menschenwürde zusammenhängt, die jedem Menschen zu eigen ist und die es zu schützen, zu achten und zu respektieren gilt in unserem Land und in unserer Gesellschaft und darüber hinaus.