Das alte und das neue Spiel – Leben aus der Rechtfertigung

Vortrag am Reformationstag von Clemens Hägele

© Clemens Hägele

von Dr. Gudrun Aker

 

Es ist in Vaihingen an der Enz Tradition, den Reformationstag mit einem theologischen Vortag in der Stadtkirche zu begehen und dazu renommierte Vertreter unterschiedlicher theologischer Richtungen und Frömmigkeitsstile einzuladen. Die beiden Kirchenbezirke Vaihingen und Mühlacker und die synodalen Gesprächskreise „Lebendige Gemeinde. Christusbewegung“, „Evangelium und Kirche“ und „Offene Kirche“ konnten in diesem Jahr Dr. Clemens Hägele gewinnen, den Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen.

Die wichtigste Wiederentdeckung der Reformation ist die Rechtfertigung durch Gott. Doch viele Christen, so Clemens Hägele, spielen immer noch das alte Spiel. Dessen Grundregel lautet: Ich gebe Gottes etwas und werde dafür von ihm belohnt. Wenn ich so lebe, wie es Gottes Geboten entspricht, stehe ich vor ihm gut da – und irgendwann reicht es vielleicht sogar für die Ewigkeit. Dieses Spiel ist für mich aber nicht zu gewinnen. Entweder nehme ich es nicht ernst und ändere die Regeln zu meinen Gunsten oder ich verzweifle an meiner Chancenlosigkeit wie der junge Martin Luther. Obwohl Luther als Mönch untadelig lebte, konnte er nie sicher sein, dass sein Einsatz auch tatsächlich reichte, um bei Gott Gerechtigkeit zu erlangen. Beim Studium des Neuen Testaments gewann er die befreiende Erkenntnis: Das alte Spiel ist aus. Gott hat es beendet. Er fordert keine Gerechtigkeit. Er schenkt sie. Wir werden nicht gerecht durch gute Werke, sondern durch den Glauben; nicht durch eigenen Verdienst, sondern allein aus Gnade. Es gilt nicht mehr die alte Regel, dass wir Gott etwas geben müssen, sondern Gott gibt sich selbst in Jesus Christus. Wir müssen nicht ständig etwas auf unser Habenkonto einzahlen, weil Jesus am Kreuz alles für uns bezahlt hat. Wer das alte Spiel weiter spielen will, erklärt das Kreuz für unnötig.

Daraus folgt nun allerdings die Frage: Sollen wir gar nichts mehr tun, da Gott schon alles für uns getan hat? Sind gute Werke im neuen Spiel nicht vorgesehen? Ist es völlig gleichgültig, wie wir leben? Diese Schlussfolgerung, so Clemens Hägele, wäre ein falsches Verständnis der Rechtfertigung durch Gott. Als Christen sind wir neu geschaffen in Jesus Christus. Wir schaffen uns nicht selbst, wir sind Gottes Geschöpfe. Doch wozu sind wir geschaffen? Wir sind geschaffen „zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen“ (Epheser 2,10). Dass wir nicht durch gute Werke gerecht werden, heißt also nicht, dass wir sie nicht mehr tun sollen. Doch sie sind nicht unser Verdienst, auf das wir uns etwas einbilden dürften, sondern Gottes Handeln an uns.